Die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain

Von der Aufmarschstraße zur Flaniermeile

Wer aus dem Ostteil Berlins nach Mitte über die B 1 gelangt, denkt wohl kaum daran, dass er gerade „Stalins Badezimmer” durchfahren könnte. Gemeint ist damit die Architektur der im Stil des „Sozialistischen Klassizismus” errichteten Karl-Marx-Allee. Den angeblichen Spitznamen aus dem Ostberliner Volksmund dichtete ein Journalist der „Berliner Zeitung” 2009 der im Übergang von Friedrichshain zu Mitte gelegenen, ehemaligen Pracht- und Aufmarschstraße an. Auf den Streich fielen Medien, Stadtführer und Fachleute hinein. Der erfundene Name klang zu plausibel. Denn die Karl-Marx-Allee hieß von 1950 bis 1961 Stalinallee.

Größte Prachtstraße der DDR

Vor allem aber wird die hauptsächlich vom sozialistischen, monumentalen Stil der 1950er Jahre geprägte Hauptverkehrsader durch ihre charakteristischen Keramikfliesen dominiert. Inspiriert hat die Architekten dabei der ähnliche Stil der Moskauer Lomonossow-Universität, des Warschauer Kulturpalasts und der Pekinger „Straße des Ewigen Friedens”. Zu DDR-Zeiten galt die Karl-Marx-Allee als größte Prachtstraße der Republik. Heute ist sie die größte denkmalgeschützte Flächenanlage Berlins.

Obwohl die Karl-Marx-Allee zur B 1 gehört und als vielbefahren gilt, müssen Anwohner trotzdem nicht auf verkehrsberuhigte, grüne Lagen verzichten. Die Bauherren planten unter anderem zahlreiche Grünflächen ein, neben den Baumalleen entlang der mehrspurigen Straße verfügen die Innenhöfe über Spielplätze und kleine Gartenanlagen.

Die Geschichte der Karl-Marx-Allee reicht bis ins Jahr 1701 zurück. Damals tauchte zum ersten Mal ihr früherer Name als „Frankfurter Straße” auf. Verglichen mit manch anderen repräsentativen Straßen der Hauptstadt zeigt sich die Architektur der Karl-Marx-Allee heute jedoch von einer sehr funktionalistischen Seite.

Die Geburtsstunde der modernen Karl-Marx-Allee schlug 1949. Damals entwickelte der Architekt Hans Scharoun einen Plan zur völligen Umgestaltung des kriegszerstörten Berlin. Dieser sogenannte „Kollektivplan” sah eine Dezentralisierung der Hauptstadt vor, zentrale Verkehrsknotenpunkte sollten begrünt und weitflächig bebaut werden. Zu diesem Zweck entstanden bereits 1949 und 1950 zwei Laubenganghäuser entlang der heutigen Karl-Marx-Allee. Diese folgten architektonisch noch dem Vorkriegs-Stil des Bauhauses. Scharouns „Kollektivplan” für Berlin wurde jedoch schnell unbeliebt, denn die DDR-Führung orientierte sich am architektonischen und politischen Vorbild Moskau. Dort galt das Bauhaus als „westlich-dekadent, formalistisch und elitär”. Da die Straße 1951 in Stalinallee umbenannt wurde, sollte sich deren zukünftige Gestaltung verstärkt am sowjetischen Personenkult orientieren und zu repräsentativen Zwecken in der neuen „Hauptstadt der DDR” dienen. Um die bisherige Bebauung zu verstecken, ließ die SED-Führung schnellwachsende Pappeln vor Scharouns Laubengangshäuser pflanzen.

Türme im „Zuckerbäckerstil”

Ihr prägendes Gesicht erhielt die einstige Flaniermeile auf Grundlage eines 1951 ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerbes. Den ersten Preis bekam Egon Hartmann, dessen Entwürfe zusammen mit den vier anderen Gewinnern der Ausschreibung umgesetzt wurden. Beratung erhielten die Städteplaner durch führende sowjetische Architekten. Wegweisend für die weitere Gestaltung der geplanten Flanier- und Aufmarschallee wurden jedoch die Ideen Hermann Henselmanns, eines der renommiertesten Architekten der DDR. Im Rahmen des seitens der SED propagierten „Nationalen Aufbauprogramms Berlin” entstanden entlang der damaligen Stalinallee Wohn- und Hochhäuser. Als Vorlage diente das von Henselmann entworfene, erste Ostberliner Hochhaus an der direkt an der Allee gelegenen Weberwiese. Insbesondere rund um den Strausberger Platz entstanden 13-geschossige Hochhäuser im amerikanischen Art Déco-Stil der 1930er Jahre. Ebenso konzipierte Henselmann die zwei Wohn- und Geschäftstürme am, den Boulevard östlich begrenzenden, Frankfurter Tor. Sie wurden an der Westseite des Platzes errichtet, zueinander symmetrisch angeordnet und waren zugleich als neues, repräsentatives Stadttor für Besucher gedacht. Die Kuppeln wurden den Gontardschen Türmen des Deutschen und Französischen Domes am Gendarmenmarkt nachempfunden. Noch heute beeindrucken die Monumentalbauten durch ihren verschnörkelten „Zuckerbäckerstil” nicht nur Touristen.

Zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor erstrecken sich acht- bis zehngeschossige, schlichte Plattenbauten. Sie wurden in den Jahren 1959 bis 1969 gebaut und großflächig zwischen Grünanlagen verteilt. Zu den herausragenden Gebäuden zählen das „Kino International”, das „Café Moskau” sowie das einstige 13-geschossige „Hotel Berolina”. Als eines der ersten Häuser entstand das Kinogebäude „Kosmos”, das aufgrund seiner leicht zurückgesetzten Lage und niedriggeschossigen Bauhöhe dem Passanten nicht sofort auffällt. Errichtet hat das, sich vom sozialistischen Klassizismus des Frankfurter Tors und des Strausberger Platzes deutlich abhebende, funktionalistische Ensemble, Josef Kaiser. Unter der Gesamtleitung des bekannten deutschen Stadtplaners und Architekten entstanden in den 1960er Jahren zudem die fünf zweigeschossigen Verkaufspavillons zwischen Strausberger Platz und Schillingstraße. Diese Hallenbauten mit offenem Galeriegeschoss heben sich durch eine großflächige Verglasung sowie gelbe Keramikplatten vom restlichen Bauensemble sichtbar ab.

Elegante Mischung aus Klassizismus und Sozialismus

Als charakteristisch für das Gesamtbild der Karl-Marx-Allee können vor allem die 13 Stockwerke umfassenden, monumentalen Wohnblöcke gelten: Ihre Fassaden greifen eine Vielzahl an Stilelementen des historischen Berliner Klassizismus des frühen bis mittleren 19. Jahrhunderts auf. Oft finden sich Elemente antiker Stilformen, etwa ionische oder dorische Säulen, Fries oder Ziergibel mit Architrav. Diese Monumentalarchitektur, eine Mischung aus preußischem Historismus und sozialistischem Realismus, bildete zugleich den Hintergrund der pompösen Staatsfeierlichkeiten und Militärparaden der DDR. Denn die Karl-Marx-Allee war stets mehr als ein gehobenes Wohnensemble der Arbeiter- und Bauernrepublik. Unter Einbindung der renommiertesten Architekten sollte hier zugleich ein repräsentatives, propagandistisch instrumentalisiertes Ensemble entstehen, dass auch die architektonische Fortschrittlichkeit und Überlegenheit des sozialistischen Ostblocks unterstreichen sollte.

Besonders unter Architekten beliebt

Heute ist die Karl-Marx-Allee jedoch mehr als ein Relikt des Kalten Krieges. Als lebendige Geschäfts- und Einkaufsmeile hat sie sich in den jungen und angesagten Bezirk Friedrichshain gut integriert. Seit einigen Jahren erfreut sich die zentral gelegene Straße zunehmender Beliebtheit. Viele Architekten haben hier ihre Privatwohnung bezogen. Nachdem die einstige Aufmarschstraße lange Zeit unbelebt blieb und kein typisches Berliner Kiezleben vorweisen konnte, zogen nach und nach Boutiquen, Restaurants, Ateliers, Galerien, Juweliere, Drogerien, ein Blumenhaus und zahlreiche andere Gewerbetreibende ein. Jedes Jahr im Sommer findet hier das „Internationale Berliner Bierfestival” statt, das Touristen aus aller Herren Länder in die Hauptstadt lockt. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Renovierungen und Sanierungen durchgeführt und die einstigen anspruchsvollen Arbeiterwohnungen zu schönen, gehobenen Appartements ausgebaut. Die Mieten stiegen im Zeitraum von 2008 bis 2013 von 6,20 auf 8,50 Euro kalt pro Quadratmeter. Zukünftige Eigentümer sollten mit Kaufpreisen von 1.100 bis 2.800 Euro pro Quadratmeter rechnen. Denn dank ihrer zentralen Lage und des aufblühenden Gewerbes wächst nicht nur unter Unternehmen die Nachfrage nach einem Büro oder Geschäft in der Karl-Marx-Allee, sondern auch unter Wohnungssuchenden. Die einstige Aufmarschstraße, die lange Zeit als Überbleibsel des SED-Regimes galt, liegt wieder im Trend.

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