Jüdisches Museum Berlin

»Between the Lines«: Zur Architektur des Jüdischen Museums Berlin

Schon vor der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin im September 2001 übte das 1998 fertig gestellte Gebäude eine große Faszination aus: Knapp 350.000 Besucher sahen das noch leere Museumsgebäude. Der Architekt Daniel Libeskind hatte 1989 den Wettbewerb für den »Erweiterungsbau des Berlin Museums mit Abteilung Jüdisches Museum« gewonnen. Der Grundstein für den Neubau wurde 1992 gelegt. 1999 wurde das Gebäude mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet. Das Jüdische Museum Berlin ist der erste Entwurf Daniel Libeskinds, der realisiert wurde, und begründete seinen Ruhm als Architekt.

Der mit Titanzink verkleidete Bau hebt sich ab von den zahlreichen – auch neuen – Museumsbauten der Stadt, indem er sich auf ganz eigene Weise auf die Geschichte Berlins bezieht. »Das Museum sollte in einer Stadt wie Berlin nicht nur für die lebenden Bürger, sondern auch […] für die Bürger der Vergangenheit und der Zukunft zugänglich sein. Es sollte ein Ort für alle Bürger Berlins sein, durch den sie ein gemeinsames Erbe bestätigt sehen.« (Daniel Libeskind, Between the Lines)

»Between the Lines« nannte Daniel Libeskind seinen Entwurf. Zwei Linien stehen für das Spannungsfeld jüdischer Geschichte in Deutschland: Die erste bildet die mehrfach geknickte Grundfläche des Museumsbaus und verleiht dem Haus die charakteristische Zickzackform. Die zweite Linie verläuft gerade und durchstößt das gesamte Gebäude. An den Schnittstellen dieser Linien befinden sich »Voids«, leere Räume, die das Museum an fünf Stellen in seiner ganzen Höhe durchbrechen. Sie wecken Assoziationen an die Leere, die die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland hinterlassen hat. Je 24 Meter hoch erstrecken sich diese Räume, die nicht klimatisiert und weitgehend ohne künstliche Beleuchtung sind. Beim Gang durch das Museum und die Dauerausstellung stoßen die Besucher immer wieder auf diese »Leerstellen«.

Daniel Libeskind stellt mit seinem Entwurf vielfältige Bezüge zur Kulturgeschichte Berlins her: Die Grundidee basiert auf der Verknüpfung von Adressen bedeutender Berliner Juden und Nichtjuden, die Bindeglieder zwischen jüdischer Tradition und deutscher Kultur waren, auf dem Berliner Stadtplan. So entstand eine unsichtbare Matrix, die sich in der Zick-Zack-Linie des Grundrisses und in den schrägen Linien der Fensteröffnungen wiederfindet. Als weitere künstlerisch-historische Inspirationsquellen für seine Architektur benennt Daniel Libeskind die unvollendet gebliebene Oper »Moses und Aaron« von Arnold Schönberg und Walter Benjamins Prosastück »Einbahnstraße« sowie das Gedenkbuch für die Opfer der Judenverfolgung.

Der Eingang zum Jüdischen Museum Berlin befindet sich im 1734/35 von Philipp Gerlach erbauten barocken Kollegienhaus, das fast zweihundert Jahre das preußische Kammergericht beherbergte. Über eine lange Treppe gelangen die Besucher in die drei Achsen im Untergeschoss des Neubaus, die symbolisch für die unterschiedlichen Schicksale der deutschen Juden stehen. Zwei der Achsen konfrontieren die Besucher mit der Situation der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus: Die »Achse des Exils« und die »Achse des Holocaust«, an deren Ende sich ein knapp 24 Meter hoher leerer Turm befindet. Der »Holocaust-Turm« ist ein Mahnmal innerhalb des Museums. Daniel Libeskind nannte diesen dunklen und kalten Raum, in dem allein Straßengeräusche aus der Ferne zu hören sind, »Voided Void«.

Am Ende der »Achse des Exils« führt eine schwere Tür in den »Garten des Exils«, der mit seiner schiefen Ebene und den geneigten Stelen die Halt- und Orientierungslosigkeit der Emigranten vermittelt, die sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen mussten. Aus den 49 Betonstelen wachsen Ölweiden, die Hoffnung symbolisieren. Der Garten des Exils ist die einzige rechtwinklige Form im Libeskind-Bau.

Die dritte Achse im Untergeschoss ist die »Achse der Kontinuität« und steht für Zukunft und Gegenwart. Sie führt über die Sackler-Treppe in die darüber gelegene Dauerausstellung sowie die Eric F. Ross Gallery, die verschiedene Wechselausstellungen beherbergt. Die lange Treppe endet im »Nichts«, nach dem letzten Treppenabsatz führen acht Treppenstufen zu einer weißen Wand.

Durch die Eric F. Ross Gallery im Erdgeschoss erreicht man das größte und einzig begehbare der Voids. In ihm befindet sich die Installation »Shalechet« (Gefallenes Laub) des israelischen Künstlers Menashe Kadishman. Über 10.000 Gesichter mit geöffneten Mündern, geformt aus schweren Eisenscheiben, bedecken die Bodenfläche.

Seit Herbst 2007 wird der barocke Altbau um den von Daniel Libeskind entworfenen Glashof ergänzt, der als Veranstaltungsraum dient. Ein Glasdach überspannt den U-förmigen, 670 Quadratmeter großen Innenhof des ehemaligen Kollegienhaus und wird von vier freistehenden Stützenbündeln aus Stahl getragen. Diese Stützenkonstruktion ist von der Struktur eines Baumes inspiriert, die sich im Dach als Liniennetz aus Stahl fortsetzt. Daniel Libeskind nannte den Entwurf zu dem Glashof »Sukkah« – in Anlehnung an die Laubhütte, die traditionell zum »Sukkot«-Fest errichtet wird. Bereits 2005 hatte der Architekt Matthias Reese den Altbau durch einen Gruppeneingang ergänzt.

Der Gebäudekomplex ist umgeben von einer Grünanlage: Den Garten hinter dem Altbau gestalteten Hans Kollhoff und Arthur Ovaska im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987, die Außenanlagen um den Libeskind-Bau stammen von den Berliner Landschaftsarchitekten Cornelia Müller, Elmar Knippschild und Jan Wehberg. Auch der größere der zwei Höfe zwischen Altbau und Libeskindbau ist Teil dieses Entwurfs. Das Muster des Bodenreliefs entstand nach einer Grafik von Gisèle Celan-Lestrange, der Ehefrau Paul Celans.

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