Berlins größtes Mosaik

Das GSW-Hochhaus – Eine Neuinterpretation der Nachkriegsmoderne

An-, Um- und Ausbau sind bei immer knapper werdenden Bauplätzen wichtige Gestaltungsmöglichkeiten, um im Bestand neue Lösungen zu finden. So geschah es auch in den wilden 1990er Jahren, als an der Kochstraße das 17-geschossige Punkthochhaus der Architekten Schwebes und Schoszberger von 1961 um weitere Baukörper ergänzt werden sollte. Der Plan wurde vom Bezirk Kreuzberg und der GSW gefasst, 1990 der beschränkte Architekturwettbewerb ausgeschrieben und Ende 1999 wurde das Gesamtensemble eröffnet. Der Baubeginn war 1995 und einer der stärkster Kritiker war Hans Stimmann, für den die Blockrandbebauung das städtebauliche Ideal für Berlin darstellte, jedoch bei diesem Projekt nicht umgesetzt wurde. 

Den Architektur-Wettbewerb, mit sechs Teilnehmern, gewannen die Berliner Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton und erhielten damit die Gelegenheit die neue City-Ost mitzugestalten. Und das Büro schenkte der Stadt ein unverwechselbares Hochhaus, denn die Westfassade des 22 Geschosse hohen Scheibenhochhauses kann vollständig mit flexibel steuerbaren Sonnenschutzpaneelen zum größten Kunstwerk der Stadt werden. In der warmen Nachmittags- und Abendsonne erscheint die konkav gebogene Hochhausfassade so als buntes Mosaik in den Tönen rubinrot, rosa und orange.

Erstes ökologisches Hochhaus Deutschlands

Das Gesamtgebäude besteht aus dem 110 Meter langen Flachbau an der Kochstraße, der die historische Bauflucht aufnimmt und den Straßenraum weitet, indem er sich zum Block hin wölbt. Am östlichen Ende erhebt sich die „Pillbox“ – bestehend aus drei aufgesetzten ovalen Geschossen, die mit grüngelben Aluminiumblechen verkleidet sind. An dem ovalen Aufsatzgebäude ist die Berliner Traufhöhe von 22 Metern sichtbar und setzt somit das Ensemble in Bezug zur weiteren architektonischen Umgebung. Auf dem Flachbau sitzt ebenfalls das gebogene Scheibenhochhaus und erinnert augenfällig an die Plaza-Architektur der US-amerikanischen Hochhäuser der 1950er Jahre. Die vollständige Verglasung des Hochhauses, bei der geringen Tiefe von 11 Metern, ermöglicht eine natürliche Belichtung fast aller Bereiche. Alle Stockwerke des Hochhauses sind frei aufteilbar und können somit bedarfsgerecht umgebaut werden. Die einzelnen Gebäudekörper: Scheibe, Flachbau, Turm, stehen zueinander und zur Umgebung in formalen Zusammenhängen, die den Stadtraum bereichern.

Woran störte sich Hans Stimmann? Es sind die freien Formen, wie sie die moderne Nachkriegsarchitektur von Berlin bis New York der 1950er und 60er Jahre so unverwechselbar machen. Denken Sie an das Gebäudeensemble der United Nations in New York und legen Sie das GSW-Hochhaus daneben, dann wird klar, dass diese Formenwelt nichts gemeinsam hat mit der Leitlinie der kritischen Rekonstruktion – im formalen Korsett der Blockrandschließung und Einhaltung der Traufhöhen. Vielmehr geht es Sauerbruch und Hutton um das künstlerische Arrangement von unterschiedlichen Baukörpern. Flach- und Hochbau gehen eine spannungsvolle Verbindung ein. Die Architekten gehen jedoch einen wesentlichen Schritt weiter und sind befreit vom Stahl-Glas-Kontrast der 1950er Jahre und arbeiten mit Farben, denn die Architekten sehen die Fassaden als Innenräume der Stadt.

Eine gelungene Ergänzung des Originalbaukörpers

Von weitem wird ein weiteres Baudetail sichtbar, denn auf dem Hochhausdach schwebt das flügelförmige Segeldach, das zur Entlüftung der Fassade dient. Der Schwerpunkt des ökologischen Konzeptes liegt auf der Eingrenzung des Energieverbrauches. Es wird möglichst wenig Energie zugeführt. Die Hochhausfassade ist eine Ökofassade, die gläserne Doppelhaut wirkt wie eine Klimaanlage. Frische Luft kommt durch die Ostfassade hinein und durchquert das Haus, um in der ein Meter tiefen Westfassade nach oben steigen zu können. Daraus folgt im Winter unter anderem eine Rückgewinnung der Abwärme und im Sommer die Zufuhr von genügend Frischluft zur Kühlung.

Das Hochhaus ist eine der gelungensten Mischungen aus Farbigkeit und Zurückhaltung. Es ist und wird zukünftig ein wichtiger städtebaulicher Orientierungspunkt sein, denn es ist Teil der Berliner Skyline in den Koordinaten von Potsdamer Platz im Westen, Hauptbahnhof im Norden und dem Alexanderplatz im Osten.

Dr. Carsten Schmidt

Berlins größtes Mosaik
5 (100%) 2