Das Corbusierhaus Berlin

FABRIQUÉ en FRANCE: Wie Le Corbusier Berlin modernisierte

Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Franzose in Berlin keine Seltenheit. Zum französischen Sektor gehörten die großen Bezirke Reinickendorf und Wedding und die Menschen hinterließen der Stadt ein starkes kulturelles und architektonisches Erbe. Der berühmteste französische Architekt Le Corbusier – geboren und aufgewachsen in der Schweiz und ab 1917 in Paris lebend und arbeitend – erschuf im geteilten Berlin ein Bauwerk von internationaler Bedeutung und polarisierte damit die städtische Bauverwaltung, Architektenszene und kulturellen Eliten.

Die Situation in Berlin war in den 1950er Jahren noch vom Wiederaufbau, von Altbauten mit Kohleöfen, Toi-letten auf halber Treppe und grauen Fassaden geprägt. Die Wohnungsnot musste gelindert werden. Noch heute nimmt der Autofahrer an der Heerstraße ein Scheibenhochhaus – stadtauswärts in Richtung Spandau – wahr. Es zählt zu den architektonischen Landmarks der City-West. Offiziell gehörte es zum Bauprogramm der Internationalen Bauausstellung (IBA) von 1957. Innerhalb dieses Aufbauprogramms für Westberlin entstand unter anderem das neue Hansaviertel zwischen S-Bahnhof Tiergarten und Bellevue. Internationale Architekten wie Walter Gropius, Alvar Aalto und Oscar Niemeyer zeigten den Berlinern moderne Wohnlösungen am Beispiel von Mehr- und Einfamilienhäusern.  Einst sollte das markante Wohnhochhaus im Hansaviertel errichtet werden, jedoch suchte sich der Architekt ein Areal am Olympiastadion aus, was ebenfalls zu Debatten um sozialer, ästhetischer und ökonomischer Angemessenheit führte. Nach Beilegung der Streitigkeiten wurde das Wohnhochhaus von 1956 bis 1958 realisiert. Über einen langgestreckten Grundriss erhebt sich der 17-geschossige Wohnriegel mit einer Länge von 141 Metern und einer Höhe von 53 Metern. Zu den Wiedererkennungsmerkmalen zählen der Modulor an der Fassade – ein von Le Corbusier entwickeltes Proportionssystem – das reliefartige Fassadenbild, A- und V-förmige Pilotis die das Gebäude tragen und die Corbusierfarben an der Fassade. Das Wohnhochhaus aus vorgefertigten Betonplatten war ein leuchtendes Zeichen des Fortschritts und eine Hoffnung auf angemessenen Wohnraum.

Die zentrale Idee der Modernen Architekten war, dass die Landschaft so wenig wie möglich bebaut wird und daher wurden in sämtlichen städtischen Planungen die Straßen, Wohnhochhäuser und Arbeitsstätten aufgestelzt. Die Natur sollte ungehindert sich ausbreiten können und die Stadt nach den Funktionen Wohnen, Arbeiten und Freizeit gegliedert werden. Mit dieser urbanen Strategie wollten die Planer dem innerstädtischen Chaos der gewachsenen europäischen Metropole entgegenwirken.

Die 530 Wohnungen im Corbusierhaus, die überwiegend als 2-geschossige Maisonette und 1-geschossige Wohnungen konzipiert wurden, verfügen alle über eine Loggia. Das Haus hat 17 Etagen aber teilweise nur alle zwei Etagen eine Straße – der Flur wurde von Le Corbusier als „Rues Intérieurs“ bezeichnet – und somit gibt es 10 Straßen im gesamten Gebäude. Die Küche wurde äußerst funktional mit Schiebetürenschränken, durchgehenden Arbeitsplatten und einer Durchreiche zum Wohnraum konzipiert. Es gibt keinen Keller für die Mieter und auch auf den Etagen keinen Abstellraum, so dass ein Leben nach Feng Shui zu empfehlen ist. Die ersten Bewohner bezogen im Jahr 1958 ihre Wohnungen und wohnen bis heute hier. Das umstrittene Konzept, das Argument der Anonymität und der Leerstand im Bereich der Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss schmälerte nicht die Attraktivität der Wohnungen.
Für Le Corbusier war es kein Luxus Grünflächen vor der Haustür, einen weiten Blick über die Stadt und die tägliche Versorgung im Haus zu haben.  Auch wenn sich Le Corbusier noch während der Bauphase innerlich von dem Bauwerk distanzierte – in erster Linie weil einige Grundideen nicht realisiert wurden – so wurde es postum unter Denkmalschutz gestellt, denn das Wohnhochhaus ist das Einzige außerhalb von Frankreich realisierte Projekt aus dem Konzept Unité d´Habitation. Seit den 1920er Jahren hatte der Architekt darüber nachgedacht, wie die steigende Nachfrage nach Wohnraum im Rahmen des modernen Wohnungsbaus optimal gelöst werden könnte – Wohnhochhäuser waren seine zentrale Idee. Le Corbusier, als Architekt und Künstler, strebte nach einem raumgreifenden, skulpturalen Ansatz, wenngleich ein Minimum an Grundfläche bebaut werden sollte.

Bereits 1979 wurden die Wohnungen in Eigentum umgewandelt, die teilweise von Eigennutzern bewohnt oder vermietet sind. Für eine 3-Zimmer Wohnung werden Preise von circa 300.000 Euro aufgerufen. Seit dem Jahr 2004 kümmert sich der Förderverein Corbusierhaus um den Erhalt des Gebäudes und bietet Architekturführungen an. Nur so hat man die Chance eine der Wohnungen zu besichtigen und Vorurteile und Hemmnisse abzubauen. Längst werden ähnliche Konzepte in den Metropolen realisiert. Nur in Berlin wirkt noch heute Le Corbusiers Hochhaus als überdimensional, weil die Stadt im Vergleich zu anderen Metropolen zu wenig in die Höhe wächst. Womöglich könnten aktuelle Wohnkonzepte, wie der Bosco Verticale in Mailand, die Berliner vom Wohnen im Hochhaus überzeugen.

Das Corbusierhaus Berlin
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