Jugendstil und International Style

Die Architektur rund um den Steinplatz

Ob Studentenbewegung, elegante Paare um 1900 oder Sommerkino, der Steinplatz zwischen Ernst-Reuter-Platz und Breitscheidplatz war schon für vieles die Bühne. Auch die architektonischen Zeugen sind so vielfältig wie die vergangenen 136 Jahre, denn 1885 wurde der nach dem preußischen Reformer Freiherr vom Stein benannte Platz angelegt. Damals wie heute gibt es nur die Hausnummern Steinplatz 1 bis 4 und an der Hardenbergstraße 33 das imposante Gebäude der Universität der Künste.

An der Adresse Steinplatz 1 entstand 1953-55 das Hoechst-Haus am Steinplatz. Die Architekten Hans Geber und Otto Risse planten für eine Baulücke aus der Kriegszeit – zwischen Hardenbergstraße und Goethestraße – ein additives Büro- und Geschäftshaus. Es besteht aus dem 7-stöckigen Haupthaus zur Hardenbergstraße und dem 6-stöckigen Flügel zum Steinplatz. Während das Haupthaus den Blockrand schließt, steht das Gebäude am Steinplatz zurückgesetzt und besitzt einen schmalen Grünstreifen. Die Hauptausrichtung zur Hardenbergstraße vernachlässigt die Ansicht vom Steinplatz.

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Hoechst-Haus Geschäftsgebäude © SF / RIV

Beim Hoechst-Haus sorgt die helle Verkleidung in Travertin und Trosselfels für einen modernen Look. Auffälligstes Merkmal ist die oberste Etage: ein elegantes Flugdach wird von schmalen Stützen gehalten. Diese Leichtigkeit gelingt den Architekten ebenfalls im großzügig verglasten Erdgeschoss zur Hardenbergstraße und der Wendeltreppe. Die Architekten gaben der Gebäudeecke eine besondere Gestaltung. In diesem Bereich haben Geber und Risse die schmale Fassade als Wandscheibe komplett geschlossen und den unteren Bereich aufgeständert. Somit schwebt die Gebäudeecke und es entsteht ein wettergeschützter Eingang.

Die geometrisch klare Formensprache findet ihren Gegenspieler auf der diagonal gegenüberliegenden Platzseite im Hotel am Steinplatz. Für die Adresse Steinplatz 4 entwarf der Architekt August Endell im Jahr 1907/08 ein Wohnhaus in der damals beliebten und modernen Formensprache des Jugendstils. Die Natur wurde zum Vorbild für Alltagsgegenstände, Gebäude aber auch die berühmten Pariser Metro-Eingänge. Am Berliner Steinplatz schuf Endell ein Eckwohnhaus, dessen zwei Eingänge die besondere Situation am Platz und zur Uhlandstraße berücksichtigt.

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Hoechst-Haus Geschäftsgebäude © SF / RIV

Endell inszeniert den Hauseingang am Steinplatz mit einem außergewöhnlichen Vorbau. Er hebt sich mit Zierelementen zwischen gotischen und floralen Formen deutlich von der grünen Fassade ab. Außerdem setzt der Architekt unmittelbar daneben einen erkerartigen Vorbau, der sich vom Erdgeschoss bis zur obersten Etagen durchzieht. Balkone, helle Schmuckelemente und Rahmungen sowie dunkelgrüne Fensterrahmen erschaffen ein Gebäude mit hohem Wiedererkennungswert.

Vor allem die organischen Ornamente und der Fassadenstuck mit Motiven aus der Unterwasserwelt, Farnen und Moosen spiegeln die Sehnsucht der Zeit nach Natürlichkeit und Jugend wider. Zur Uhlandstraße wählte Endell eine andere Eingangsgestaltung: Während der Eingang am Steinplatz vor die Fassade gesetzt wurde und damit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wirkt der andere Eingang – auch weil darüber die Fassade nach vorne verspringt, wie zurückgesetzt. Somit liegt die Betonung eindeutig am Steinplatz.

Innerhalb weniger Jahre nach der Fertigstellung wurde das Wohnhaus in ein Hotel umgewandelt. Seit 1971 ist der Gebäudekomplex ein Baudenkmal. In den 1970er-Jahren wurde es zum Seniorenheim umgebaut und stand seit dem Jahr 2000 leer. 2013 öffneten sich die Türen erneut für Hotelgäste. Der neue Eingang am Steinplatz Ecke Uhlandstraße ist die auffälligste Ergänzung: ein organischer Baldachin aus hellem Sichtbeton mit stilisierten Pflanzenreliefs. Diese gelungene Jugendstil-Interpretation ergänzt eine Freitreppe mit elegantem Handlauf.

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© Fridolin freudenfett, Charlottenburg Hotel am Steinplatz-001, CC BY-SA 3.0

Gleich neben dem Hotel am Steinplatz befindet sich an der Adresse Steinplatz 3 ein weiteres Schmuckstück großbürgerlicher Wohnkultur. Es ist das älteste Wohnhaus am Platz, denn es wurde 1894-95 von den Architekten Th. Knoll und Gustav Haase geplant. Während die Hauptseite zum Steinplatz ausgerichtet ist, erstreckt sich das Gesamtgebäude in die Uhlandstraße und Cramerstraße. Künstlerisch herausragend ist die symmetrische Fassade zum Steinplatz. Sie besteht aus dem in die Fassade geschobenen Eingang mit halbkreisförmigem Abschluss und großem Wandrelief. Die schmiedeeiserne Türgestaltung lässt einen Blick in das repräsentative Entrée zu. Seitlich machen lange Balkone mit barocker Brüstung, Halbsäulen und horizontale Stuckbänder historische Anspielungen. Auffällig sind auch die großen Fensterformate. Insgesamt drückt die Fassade zum Steinplatz den Aufstieg Berlins zur Millionenmetropole am Ende des 20. Jahrhunderts und neuen Wohlstand aus. Auch die Fassaden zu den Nebenstraßen sind detailliert ausführt und zeigen ein großes Feingefühl für Proportionen.

Heute gewinnt der Steinplatz an Beliebtheit, denn neben einer spannenden Architektur gibt es auf dem begrünten Platz regelmäßig Veranstaltungen. Hier mischen sich Touristen mit Bewohner des Savignyplatz-Kiezes und sorgen für internationales Flair.

Dr. phil. Carsten Schmidt

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