Haus Am Rupenhorn

Architektonische Sachlichkeit und wilde Natur

Architektur ist sowohl das Spiel mit Formen als auch unseren Sinnen und Assoziationen. Beim Haus Am Rupenhorn werden alle Sinne angesprochen, denn zu den klaren geometrischen Formen gesellt sich die umgebende Natur mit ihren jahreszeitlichen Düften, Farben und Geräuschen von knisterndem Laub, rauschenden Baumkronen und leise säuselnden Wind.

Hoch über dem Stößensee im gediegenen Westend, in der Straße Am Rupenhorn, verliebten sich in den 1920er Jahren Bauherren und Architekten der Moderne in den einmaligen Weitblick. Die Gegend war bereits für Tagesausflügler gut erschlossen. Es gab zahlreiche Lokale und Restaurants unmittelbar am Wasser. Und die heutige Heerstraße hieß bis 1920 noch Döberitzer Heerstraße. Ab 1927 fuhr sogar eine Straßenbahn entlang der Heerstraße. Sie verband Spandau und Charlottenburg.

Auch der Unternehmer Richard Kluge konnte sich für die Lage zwischen pulsierender Innenstadt und ländlicher Idylle begeistern. In der Straße Am Rupenhorn ließ sich Kluge 1929/1930 von den Gebrüdern Luckhardt zusammen mit dem Architekten Alfons Anker ein für die damalige Zeit mutiges Wohnhaus planen. Im visuellen Gepäck hatten die drei Architekten bereits so richtungsweisende Gebäude wie die Flachdachhäuser der Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927, die Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau von 1926 oder auch Le Corbusiers Villa Savoye bei Paris von 1928.

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Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 001549, Bild 1, Sammlung Willy Pragher I: Glasplattennegative / 1920 und 1930er Jahre > Städte > Berlin > Stadtansichten > Berlin, Haus am Rupenhorn / 7. November 1932 Deutschland, Berlin, Landesarchiv Baden-Wuerttemberg Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 001549 Bild 1 (5-94986-1), CC BY-SA 3.0

Am Rupenhorn kreierten die Gebrüder Luckhardt gemeinsam mit Alfons Anker ein sachliches und zugleich luftiges Wohnerlebnis mit überaus funktionalen Aspekten. Das Gebäude ist mit seinen Fassaden und ästhetisch platzierten Fenstern und Türen ein klares Bekenntnis zur Moderne. Jede Fassade erhielt eine eigene Gestaltung, so dass die Funktion der Räume von außen nicht unmittelbar ersichtlich war: Bodentiefe Fenster im Wohnbereich, liegende 3-geteilte Fenster im Obergeschoss und an der schmalen Seitenfassade zur Heerstraße auf jeder Etage herausragende Balkone, die an das Bauhaus-Atelierhaus in Dessau erinnern. 

Zu den funktionalen Dingen gehörten die Garage unter dem Haus und eine Küche im Sockelgeschoss. Zu den weiteren ästhetischen Merkmalen zählt die dunkel gestrichene Wandscheibe unter der Terrasse, so dass der Freisitz einen schwebenden Eindruck vermittelte. Um die Weitläufigkeit des Gebäudes zu unterstreichen und das innenliegende Treppenhaus in Szene zu setzen, platzierten die Architekten den Hauseingang im Sockelgeschoss. Das Treppenhaus erhielt vom Sockel- bis zum Dachgeschoss einen durchgehenden Streifen aus Glasbausteinen, die für eine besondere Lichtstimmung sorgen sollten. Eine vornehme Eleganz strahlte das verchromte Treppengeländer im Art Déco-Stil aus, welches durchaus an Schiffe erinnerte und ebenfalls ein beliebtes Motiv moderner Architektur war.

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Haus am Rupenhorn © SF

Das Herzstück bildete der loftartige Wohnraum für die Familie und Gäste, denn in dem L-förmigen Raum leiteten die bodentiefen Panoramafenster in die Landschaft über und vermittelte die geschwungene Terrasse zwischen geometrischer Strenge und rauer Natur. Von hier schweifte der Blick über das naturnah gestaltete Grundstück mit Gräsern, Kiefern und Laubgehölzen. Auch im Wohnraum brechen die Architekten das geradlinige Konzept in Form zweier verchromter raumhoher Pfeiler und dazwischen eingesetzter Schreibtischplatte auf. In den Pfeilern befinden sich die konstruktiven Stützen für das Gesamtgebäude, welches in Stahlskelettbauweise errichtet wurde. Die gewünschte Leichtigkeit dieses Raumes unterstrich die indirekte Deckenbeleuchtung. Auf der Ebene darüber erhielt der Auftraggeber drei große Schlafzimmer – wovon zu einem ein Badezimmer en Suite gehörte – sowie ein Balkonzimmer und ein weiteres Zimmer. Hinzu kommen ein Gäste-WC und ein innenliegendes Badezimmer.

Ein weiteres Highlight bildete das weitläufige Sky Deck mit einer Pergola und den gerahmten Perspektiven. Von hier aus konnte das Panorama in vollen Zügen genossen werden. Immer im Blick die Tiefwerder Wiesen, Pichelswerder und Havel. Die Bewohner lebten mitten in der Natur bzw. einem die Natur imitierenden Grundstück und das Gebäude sucht die Nähe und gleichzeitig Distanz zur Natur. So schwebte die geschwungene Terrasse über dem Garten und auch das Sky Deck bildete einen geschützten und zugleich durchlässigen Außenraum. Diese Widersprüche sind es, die den Reiz des Gebäudes ausmachen, damals wie heute. 

Dr. Carsten Schmidt