Die Schaubühne am Kurfürstendamm

Außen Mendelsohn – Innen Sawade

Der Kurfürstendamm wurde in den 1920er Jahren zur Straßenlandschaft einer neuen Massenkultur, denn es entstanden neue Veranstaltungshäuser wie das Kino Universum – die heutige Schaubühne. Das stromlinienförmige Gebäude am Lehniner Platz gehört zum Woga-Komplex.

Die ursprüngliche Planung des Architekten Erich Mendelsohn sah 1927 zunächst ein Kino und ein Kabarett vor, die von einer kleinen, zu einem Hotel führenden Einkaufsstraße und Fachgeschäften getrennt werden sollten. Zwei lange Wohnblöcke mit großzügig dimensionierten Wohnungen begrenzten den Komplex zur Seitenstraße. In der Folge des US-amerikanischen Börsenkrachs 1929 waren die Investoren jedoch gezwungen, das Hotel durch einen dritten Wohnblock zu ersetzen. Mendelsohns Konzept war eine architektonische Sensation für den Kurfürstendamm und das Kabarett der Komiker, das Café Astor und das Kino Universum wurden zu prominenten Anziehungspunkten des Berliner Nachtlebens. Adolph Donath verglich den Komplex in einer Kritik aus dem Jahre 1928 mit einer „Insel in den alten Wassern des Kurfürstendamms“.

Markantestes Bauwerk des Ensembles: Das Kino Universum, dessen weit ausladende, hufeisenartige Form mit ihrem hoch auf der Front thronenden Lüftungsschlot wie ein riesiger Schiffskiel in den Kurfürstendamm ragt. Das spitz auf den Kurfürstendamm zulaufende, einem gewaltigen Reklame-Ausleger ähnelnde Bauwerk, ist eines der sieben Berliner Baudenkmale des großen jüdischen Baumeisters, der 1933 Deutschland verließ. Damals legte der Komplex einen Schalter um, denn erstmals brach ein Architekt in der Gründerzeitstruktur – mit den typischen Höfen und Hinterhäusern – den Block auf und schuf einen fließenden offenen Stadtraum. Erich Mendelsohn weitete die Straße zum Platz und zog den Passanten durch die Rundungen der beiden Kopfbauten in die Ladenstraße. Die wesentlichen Merkmale sind: Fensterbänder, Abstufung der Bauteile und keilartig in den Bogenscheitel einschneidende Wandscheiben. Dies alles gibt dem Ensemble seinen dynamischen Ausdruck.

Das Kino Universum wurde als Präsentationsrahmen für die neuen Tonfilme der Ufa gebaut. Bemerkenswert an diesem Kino waren die Klarheit der Besucherführung und die exzellente Sicht auf die Leinwand. Man beachte, dass dem Kino, obwohl für Tonfilme entworfen, eine kleine Bühne mit Orchestergraben blieb. In dem Vorführraum hatten bis zu 1.800 Personen Platz. Es war das größte Kino Berlins und ein Wegweiser der Moderne. Ein offenes, als Wetterschutz breit in den Baukörper eingelassenes Entree führte in die geräumige Lobby, die von zwei Treppen flankiert war. In der Lobby ging ein Fußbodenbelag aus gelbem Stein in eine Wandverkleidung in elfenbeinfarbenen Schleiflack über, die indirekt beleuchtet wurden. Die Decken waren tiefblau gestrichen und die Treppen in den Rang waren mit blauem Veloursteppich belegt. Der Gebrauch von indirekter Beleuchtung in Verbindung mit der dunklen Färbung der Decke erzeugte ein Gefühl, als würden die Wandflächen wie frei aufgehängte Vorhänge im Raum schweben.

Das Ensemble richtet sich an den Flaneur der Roaring Twenties. Es vermittelt Gelassenheit, Jugendlichkeit und eine urbane Energie. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Kino schwer getroffen und brannte aus. Der Mendelsohnsche Innenraum war verloren, denn von 1946 bis 1952 baut der Architekt Herrmann Fehling das Kino um. In den folgenden Jahren änderte sich das Nutzungskonzept und es fanden weitere Umbauten statt. In den Jahren von 1978-81 wandelte der Berliner Architekt Jürgen Sawade das alte Universum-Gebäude unter Wiederherstellung seiner äußeren Form in eines der technisch bestausgestatteten Theater Deutschlands um. Seinerzeit kam in der Theaterszene der Wunsch auf, brachliegende Markthallen, Fabriken, Schlachthöfe und Trambahndepots zu Schauplätzen umzunutzen. Die Losung hieß: Schluss mit dem Prinzip des Guckkasten-Theaters – mehr Beweglichkeit für Schauspieler, Publikum und rollenden Podesten. In diesem Geist können auch die Ansätze von Jürgen Sawade verortet werden. Sawade schuf einen Theaterraum mit rohem Holzfußboden, nackten Betonwänden und einem schwarzgestrichenen Metallgitter als Decke, was der essentiellen Nüchternheit einer Montagehalle entsprach. Um das Betongehäuse, das er in Mendelsohns zarte Schale hineinsetze, zu realisieren, holte sich Architekt Sawade bei der Industrie-Technologie Rat. Der Stahlrost, der als Decke über dem ganzen Saal hängt, ist ursprünglich der Arbeitsboden der Bühnentechnik, für die beiden Trennwände übernahm Sawade das Jalousie-Prinzip von Garagentoren und der gesamte Fußboden besteht aus scherenartig arbeitenden Hubmaschinen, die sich beim Container-Umschlag im Bremer Überseehafen bewährt hatten. Somit lassen sich die 76 Einzelfläche – im Format drei mal sieben Metern – Teilstück für Teilstück bis zu drei Meter vom Hallenboden heben oder senken.

In der Schaubühne, die im Herbst 1981 den Spielbetrieb aufnahm, gibt es keine Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühnenbereich mehr. Der Theaterraum kann überall als Zuschauer- wie auch als Bühnenfläche genutzt werden. Zwei große Rolltore ermöglichen es außerdem, den Gesamtraum von 67,5 m Länge und 21 m Breite in drei Säle zu unterteilen. In der Praxis können damit drei Vorstellungen nebeneinander stattfinden. Diese Flexibilität zeichnet das Haus heute aus. Die Außenhaut erinnert noch immer an die 1920er Jahre, während der Innenraum den technischen Geist der 1970er Jahre atmet. Das städtebauliche Ensemble sieht modern und elegant aus. Manch einer mag kaum glauben, dass es bereits neun Jahrzehnte am Kurfürstendamm steht.

Dr. Carsten Schmidt

Die Schaubühne am Kurfürstendamm
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