Der weiße Riese

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Das Upper West (2016) in der Nähe des Zoologischen Garten Berlin (West), Berlin, Deutschland © Miriam Guterland, Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/4.0-de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Upper West

Eine Stadt ist nie ganz fertig und so ändern sich auch in Berlin die Perspektiven und Ansichten. Manchmal kann Architektur Wunder bewirken. Einst begrenzte das Schimmelpfenghaus den Breitscheidplatz nach Westen und verdeckte den Blick in die Kantstraße. Es wurde 2009 abgerissen, um diese städtebauliche Situation neu zu gestalten. Zuerst entstand das Zoofenster – ein Luxushotel, und anschließend als südliches Pendant das Upper West. Beide Hochhäuser bilden heute ein ähnliches architektonisches und städtisches Motiv wie die Kollhoff- und Jahn-Hochhäuser am Potsdamer Platz.

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Upper West © Sliwecki,Marek, Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/4.0-de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Der Architekt Christoph Langhof ging bei der Fassadengestaltung des Upper West, dem jüngsten Hochhaues am westlichen Rand des Breitscheidplatzes, mutig vor. Das Gebäudeensemble besteht aus einem liegenden Riegelbau zum Platz und dem aufstrebenden Hochhaus zur Kantstraße. Nicht wie aus einem Guss, sondern additiv, so wie seine Gebäudeformen, wurden die Fassaden individuell gestaltet. Es entstand ein Objekt mit einem hohen Wiedererkennungswert für die City-West.

Das 37 Meter hohe Podiumgebäude am Breitscheidplatz orientiert sich stilistisch an den Nachbarbauten und der Nachkriegsmoderne, die für die Gegend zwischen Ku’damm und entlang der Tauentzienstraße typisch waren. Für das Geschäftshaus setzte der Architekt auf die typische Lochfassade – bestehend aus filigranen messingfarbenen Fensterrahmen im dreier Rhythmus gerahmt von einem weißen, konkaven Raster aus Faserbeton. Einen edlen Look bekommt die Fassade durch die gewählten Farben: Gold, weiß und schwarz. Das weiße Raster ist dreidimensional ausgeformt, so dass ein starker plastischer Eindruck entsteht.

Besonders an den Gebäudeecken tritt dieses ungewöhnliche Motiv deutlich hervor. Dezent nimmt der Riegel die Form des Platzes auf und knickt an einer Steller leicht ein. Die unteren beiden Etagen bilden eine Einheit, denn es gibt keine Unterbrechung durch das weiße Raster. Über der sechsten Etage springen die obersten beiden Etagen zurück.

Das Hochhaus ist ein Kind unserer Zeit. Gut 118 Meter hoch, so präsentiert sich das Gebäude als schmaler Turm zum Platz, während es zur Kantstraße ein breiter Körper wird. Besonders raffiniert ist die Anordnung der Fenster und deren Rahmen. Die Fenster haben unterschiedliche Höhen und sind teilweise fast zweigeschossig. Zum Breitscheidplatz schwingt die Fassade an der rechten Seiten ein und wechselt anschließend von unten nach oben von einem eckigen unteren Bereich zu einem vollkommen abgerundeten oberen Bereich, so dass ein fließender Übergang zur Seitenfassade entsteht. Auf der Rückseite arbeitete der Architekt mit dem gleichen transformierenden Ansatz und zieht die Fassade nach Innen, um so mehr Tageslicht in das Gebäude zu lassen. Diese äußerst aufwendige Gestaltung hebt das Gebäude von anderen Hochhäusern in Berlin ab. Darüber hinaus erhielten die Fenster eine weiße Aluminiumverkleidung, die als umgekehrtes L die Fenster rahmen und jeweils wie Schuppen gegenläufig von Etage-zu-Etage um das Gebäude legt wurden. Dies lockert die eher streng wirkenden Seitenfassaden deutlich auf. Insgesamt entstanden in beiden Gebäuden circa 53.000 Quadratmeter Fläche. Ein Hauptmieter ist die Motel One Gruppe, denn sie hat auf 19 Etagen sein Berliner Flagship-Hotel mit 582 Zimmern und eine Terrasse in der 10. Etage, die auch öffentlich zugänglich ist.

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Upper West – © Dr. Carsten Schmidt

Zwischen Kunst, Funktion und Geschichte changiert das Kunstwert „Lesser“ von Olaf Nicolai: eine 16 Meter hohe und rund vier Tonnen schwere Laterne am Hoteleingang. Die Bezeichnung soll auf den Berliner Künstler Lesser Ury verweisen, denn dieser malte bevorzugt Berliner Straßenansichten bei Nacht. Ury ging es um Licht und Spiegelungen auf den nassen und dunklen Straßen. Das Kunstwerk soll die höchste Gaslaterne der Welt sein und der silberne Edelstahlmast ähnelt historischen Berliner Laternen. Der Künstler Olaf Nicolai sagte bei der Einweihung: „Ich verstehe meine Arbeit, die Laterne in ihrer extremen Vergrößerung, einerseits als historische Referenz auf diese Zeit. Andererseits spielt sie auch ironisch auf die musealisierenden Tendenzen an, die zunehmend die aktuellen urbanistischen Konzepte zur Revitalisierung von europäischen Innenstädten prägen“.

Die Architektur rund um den Breitscheidplatz ist das Gedächtnis der City-West, denn es gibt auf dem Platz die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von 1895 und am südlichen Rand Geschäftshäuser aus der Jahrhundertwende und den 1920er Jahren. Das sanierte Bikini-Haus ist der Inbegriff für die 1950er Jahre, während das Europa-Center die späten 1960er Jahre reflektiert. In diesem Reigen führt das Upper West die City-West elegant, mutig und raffiniert ins 21. Jahrhundert.

Dr. Carsten Schmidt

Der weiße Riese
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