Spandau

Ein Bezirk mit Eigenständigkeit

Vielleicht sehen die Einwohner ihren Bezirk als etwas Besonderes, weil er mit seinen Kerngebieten jenseits der Havel liegt, die sich hier seenartig erweitert. Oder aber es liegt daran, dass Spandau tatsächlich urkundlich früher erwähnt wurde als Berlin und lange Zeit zusammen mit Potsdam und Berlin um die Vorherrschaft dieser Region konkurrierte, was zu so skurrilen Ereignissen wie der Spandauer Knüppelschlacht um 1567 führte. 

Und nicht zuletzt trägt auch das von Berlinern geprägte Image von Spandau, dass es dort provinziell und weit abgelegen sei, dazu bei, den Stolz der Spandauer auf ihre „Stadt“ aufrechtzuerhalten. Was zu Mauerzeiten vielleicht noch eine gewisse Berechtigung hatte, stimmt heute in keiner Weise mehr: Spätestens mit dem U-Bahn-Anschluss in den 80er Jahren und der Fertigstellung des neuen Fernbahnhofs hat Spandau ebenso wie durch die Fernstraßenverbindung der autobahnartig ausgebauten B5 nicht nur wieder Anschluss an das Havelland, sondern auch an die sogenannte weite Welt gefunden. Und so ist Spandau mit seinen rund 240.000 Einwohnern und seinen neun Ortsteilen nun wieder zu neuem Leben erwacht, ganz so, wie es nach der Eingemeindung 1920 der Bürgermeister Koeltze gewünscht hatte, auch wenn das Gebilde von Groß-Berlin nicht seinem Wunsch entsprechend wieder zerfallen ist.

An jenen beliebten Bürgermeister Koeltze erinnert noch der in der Spandauer Neustadt gelegene und nach ihm benannte Park. Die Neustadt bildet zusammen mit den Ortslagen Stresow, Kolk und der Altstadt das eigentliche Zentrum Spandaus. Im Kolk, einem der ältesten Teile Spandaus, gelegen an der Spandauer Havelschleuse, hat sich die dörfliche, nahezu mittelalterliche und liebevoll restaurierte Struktur noch erhalten. Beliebt ist dieses Viertel wegen seiner urigen Lokale, speziell dem in einem ausgedienten Industriebau errichteten Brauhaus, wo vor Ort gebrautes Bier konsumiert werden kann. 

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Spandauer Altstadt © N.Bettac

Von dort aus sind es nur wenige Schritte bis zur historischen Altstadt von Spandau, in der engagierte Unternehmerkreise bemüht sind, die (Bau-)Sünden der Nachkriegszeit vergessen zu machen und neues Leben einzuhauchen. Zumindest um den Bereich des neuen Kinopalastes gelingt dies gastronomisch. Aber eine florierende Infrastruktur den Handel betreffend wird durch die am Bahnhof Spandau befindlichen Arkaden nicht wie erhofft befördert, sondern eher verhindert. Schließlich findet dort das Konsumentenherz alles, was es begehrt, von preisgünstig bis exklusiv. Dennoch hat die Altstadt mit der Nicolaikirche und dem Marktplatz mit Wochenmarkt mit frischen Produkten aus dem Umland einiges zu bieten. Und nicht zu vergessen der seit den 70er Jahren etablierte Weihnachtsmarkt, der mit seinem nicht nur kommerziellen Angebot nicht nur einer der größten und auch einer der stimmungsvollsten und meistbesuchten in Deutschland ist. Auf der Suche nach einer Mietwohnung in dieser Umgebung muss ein Interessent mit Preisen von 8,06 €/m2 rechnen.

Stresow, jenseits der Havel gelegen, ist dagegen immer noch geprägt durch die militärische Vergangenheit Spandaus. Viele Bauten wie die Kasernen, und die Geschützgießerei sowie auch der Flurname Garnisonsstraße zeugen davon. 

Bis in die heutige Zeit ist das Militär in Spandau präsent. Historische Kasernenanlagen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg direkt von der britischen Schutzmacht übernommen und gingen nach 1989 weitgehend in die Nutzung durch die Bundeswehr über. Lediglich der Flugplatz Gatow wird nicht mehr genutzt. Dort befindet sich jetzt ein gern besuchtes Museum der Luftwaffe mit vielen interessanten Exponaten.

Auch in der zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Neustadt nördlich der Altstadt begegnet man Militär- und Industriebauten, wie dem ehemaligen Luftwaffengerätewerk, das nach dem Zweiten Weltkrieg u.a. als Schule diente und heute als Quartier Carossa seine Wiederbelebung als Einkaufszentrum erfährt. In der Neustadt entstand um die Jahrhundertwende in unmittelbarer Nähe zu den Munitionsfabriken bezahlbarer Wohnraum für die Arbeiter mit teilweise noch gut erhaltener Bausubstanz. Gleiche Überlegungen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, gab es in den 80er Jahren nördlich der Neustadt, als erneut im eingekesselten Berlin bezahlbarer und attraktiver Wohnraum notwendig wurde: So entstand die Idee, auf den inzwischen nicht mehr genutzten Industriearealen rund um die Oberhavel, eine „Wasserstadt“ (siehe „Wasserstadt Spandau“ ab Seite 36) mit ausreichend Wohnbauten entstehen zu lassen. Durch die Wende 1989 und die daraus resultierende Möglichkeit, preisgünstigen Lebensraum im grünen Umland zu bekommen, geriet die Entwicklung der Wasserstadt allerdings ins Stocken. 

Diese Region gehört zum Stadtteil Hakenfelde, der ansonsten durch Siedlungshäuser im genossenschaftlichen Wohnen und gediegene Villen einflussreicher Bürger des beginnenden 20. Jahrhunderts in der Nähe des ausgedehnten Spandauer Forstes geprägt ist. Die westliche Fortsetzung im Radeland ist dagegen eher von kleineren Einfamilienhäusern bis hin zu Kleingärten, neuerdings auch unter streng ökologischen Gesichtspunkten geplant und realisiert.

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Kleinstadt- und Dorfidylle in Spandau,
Reihenhäuser in der Gartenstadt Staaken © N.Bettac

In weiten Teilen ist Spandau von einer ausgeprägt dörflichen Struktur gekennzeichnet, beispielhaft stehen hierfür die Stadtteile Staaken (siehe „Gartenstadt Staaken“ ab Seite 32), Gatow und Kladow. Angelegt während der Zeit der Weimarer Republik, wurde die Gartenstadt Staaken im Stile englischer Wohnsiedlungen mit Reihenhäusern und eigenem kleinen Garten errichtet und ist nun nach der „Eingemeindung“ von Weststaaken wiedervereinigt. Dagegen haben sich um die Dorfkerne der, wie der Urberliner sagt, jwd (janz weit draußen) gelegenen Dörfer Gatow und Kladow nach dem Zweiten Weltkrieg größere, aber dennoch beschauliche Siedlungen, bestehend aus Einfamilien- und Doppelhäusern, gebildet. Diese lagen vor der Wende abgelegen in Ruhe, nutzen nun aber aktiv die neuen Orientierungsmöglichkeiten Richtung Potsdam. Alle diese Ex-Dörfer haben ihre positive provinzielle Eigenständigkeit bewahrt, der sich auch neue Bewohner gerne anschließen, sei es durch die Teilnahme an ausgiebigen Vereinsleben, der Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr oder der Organisation lokaler kultureller Veranstaltungen. Wer hier eines dieser begehrten Häuser erwerben möchte, muss mit Spitzenpreisen bis zu 500.000 € rechnen.

Gastronomisch wirkt Spandau nicht plakativ und wer sucht, wird in der südlich der Altstadt gelegenen Wilhelmsstadt, die eine ähnliche Kiezstruktur wie die Neustadt aufweist, sein Stammcafé oder seine Stammkneipe mit Sicherheit finden.

Auch östlich der Havel befinden sich noch Stadtteile von Spandau, die – obwohl eigentlich nicht zum Kern der Stadt zählend – berlin-, deutschland- und weltweit vielleicht bekannter sind als der Rest. Das bezieht sich nicht so sehr auf das in den 20er und 30er Jahren entstandene Siedlungsgebiet Haselhorst, sondern eher auf Siemensstadt, teilweise bereits in Charlottenburg gelegen. Hier befanden sich seinerzeit die großen Produktionsstätten und der Hauptsitz des namensgebenden Weltunternehmens, ehe nach und nach im Zuge einer Internationalisierung der Hauptsitz nach München und die Produktionsstätten international verlegt wurden. Eine Eigentumswohnung erwerben zu wollen, kann mit 1.700 €/m2 und mehr einhergehen.

Vielleicht am bekanntesten und bei jedem Berlintouristen auf dem Programm ist die Zitadelle Spandau. Dieses ab 1559 von Rochus Graf zu Lynar auf den Überresten vergangener Befestigungsanlagen errichtete Bauwerk entsprach seinerzeit den Idealvorstellungen einer Festung und wurde nie eingenommen, lediglich kampflos übergeben. Heute ist die Zitadelle ein beliebtes Touristenziel, ein gefragter Veranstaltungsort für öffentliche und private Feste aller Art, aber auch ein Rückzugsgebiet für Fledermäuse, die dort bei Führungen bestaunt und studiert werden können.

Natur pur – das ist eh ein Kennzeichen Spandaus. Bedingt durch die Randlage und die Havel findet sich im Bezirk sehr viel Grün, sei es der Spandauer Stadtforst oder aber das Gelände zwischen Seeburg und Gatow, das früher als Rieselfeld genutzt wurde und den Namen immer noch trägt. Und so sind auch die Freizeitmöglichkeiten in Spandau sehr naturnah. Speziell kann jeglicher Form von Wassersport nachgegangen werden, sei es Schwimmen, Segeln, Rudern oder Wasserball – hier war und ist Spandau international immer noch ein Begriff.

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Wohnungsbauten im Falkenhagener Feld – alles etwas intimer und vor allen Dingen grüner © N.Bettac

Ein am westlichen Rande Spandaus gelegener Stadtteil ist das in den 60er Jahren auf der Wiese aus dem Boden gestampfte Falkenhagener Feld. Bezahlbarer Wohnraum für Familien, aber auch kleinere Wohnungen für Senioren, entstanden dort im staatlich geförderten Sozialen Wohnungsbau. Das Falkenhagener Feld braucht hinsichtlich positiver Resonanz ebensowenig den Vergleich mit der architektonisch sicher interessanten Gropiusstadt wie dem mit dem gigantischeren Märkischen Viertel zu fürchten. Hier ist trotz der vielen Neubauten eben auch heute alles etwas intimer und vor allen Dingen grüner. 

So zeigt sich selbst hier Spandau für seine Anwohner als ein liebenswerter und attraktiver Bezirk. International dagegen ist der Ruf Spandaus eher zweifelhaft. Nachdem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die vielfältigen militärischen Einrichtungen von der britischen Schutzmacht übernommen wurden, wurde Spandau erneut als Militärstandort bekannt. Dazu trug nicht zuletzt auch die in der Wilhelmstadt gelegene Gefängnisanlage bei, in dem in den Nürnberger Prozessen verurteilte nationalsozialistische Kriegsverbrecher ihre Strafe unter Viermächte-Aufsicht absaßen, zumeist bis Mitte der 60er Jahre, Rudolf Hess sogar bis zu seinem Tod 1987. Heute wird dieses Gelände endlich völlig zivil genutzt – als Einkaufszentrum. Und auch die Geschichte der DDR wurde in Spandau aufgearbeitet, diesmal in der JVA Hakenfelde, in der der letzte Staatsratsvorsitzende Egon Krenz seine Freiheitsstrafe wegen Totschlags verbüßte.

Aber auch diese Episode hat Spandau wie Vieles in seiner wechselvollen Geschichte hinter sich gelassen. Geblieben ist eine sich inzwischen doch fast zu Berlin gehörig fühlende und die Vorteile der nahen Metropole durchaus schätzende, eigenständige „Stadt“, die durch ihre Lage am Wasser, im Grünen und dem ausgeprägten Selbstbewusstsein aufgrund der langen und vielfältigen historischen Entwicklung äußerst lebenswert ist. Und so wundert es nicht, dass auch viele Neuspandauer schon nach kurzer Zeit in den nicht verstimmen wollenden und an den Heckscheiben vieler Autos präsenten Kanon einstimmen: „Es war schon immer etwas Besonderes, ein Spandauer zu sein!“

Jennifer Brehm

Spandau
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